Wolfgang Heger „(Hiero)Glyphenstille“

 

„(Hiero) Glyphenstille.“ Zur Bildhauerei Uli Gsells.

(…) So öffne ich allmorgendlich den erneuten berg, die hieroglyphenstille zu lesen, ungangbares verweigern, in strengen flugstunden aufwärts – (…)

Johannes Poethen, Wohnstatt zwischen den Atemzügen

In der idealistischen bzw. klassisch geprägten Gedankenwelt der Vormoderne, die der Kunst nur das Wahre, Gute und Schöne abverlangte, in Zeiten, in denen sich Kunstausübung dem jeweilig gültigen Menschenbild verpflichtet fühlen mußte, hatte das Material mit dem die Künstler gestalteten nur eine untergeordnete Bedeutung. Bei der fundamentalen Orientierung auf die menschliche Vormachtstellung im Kosmos (und damit verbunden, der gottgewollte/gottgefällige Unterwerfung der Natur unter den Willenszwang des Menschen) hatte sich das Natur-Material der künstlerischen Intention zu unterwerfen.

Das (Kunst)-Material wurde zwar geschätzt, weil es häufig wertvoll, also teuer oder selten war, aber es besaß neben dem reinen Geldwert, keinen ästhetischen Eigenwert (umgekehrt wurde >ästhetisch veredeltes< Material (vor allem Kunst- und Ritualobjekte fremder Kulturen bei Bedarf rücksichtslos eingeschmolzen). Edles Material wurde vom Künstler, der es bearbeitete zwar bewundert, aber auch in seinem Sinn völlig umgewandelt. Das Ausgangsmaterial wurde manchmal bis an die Grenze des Werkstoffs transformiert, wurde durch die Unterwerfung unter die künstlerische Idee seines ursprünglichen Charakters beraubt.
Kunstfertige Schönheit, nicht Materialgerechtigkeit stand dabei im Vordergrund. Gute Bildhauerei hat selbstverständlich schon immer einer gewissen Ökonomie Rechnung getragen und für Bildhauer ist es selbstverständlich, das Material, daß ihnen zur Verfügung steht, sinnvoll und effizient einzusetzen, aber Uli Gsell geht noch einen entschiedenen Schritt weiter, denn er räumt dem Material selbst ein ausgiebiges Mitspracherecht ein.
Uli Gsell unterwirft den Stein nicht ausschließlich seiner ästhetischen Vorstellungswelt, setzt also nicht auf einen monologischen ästhetischen Ausdruck, sondern sucht den meditativen Dialog.

Das Konzept einer totalen Überformung durch die Idee und den Willen des Künstlers steht bei ihm zurück vor den elementaren Grundformen, die er aus dem Material schöpft.
Mit solchen Elementarformen setzt er sich auseinander, wenn er vom Stein-Block ausgeht, einer beinahe unbearbeiteten Urform: Stein-Hauerei, die bereits vor der Bild-Hauerei alle anderen Formmöglichkeiten und Einzelformen als Möglichkeiten birgt.
Der Stein wird von Uli Gsell mit Intensität, Sensibilität und Formvorstellung aus der Natur gehauen, wird dem Urgrund entrissen, befreit aus der Gebundenheit im Steinbruch, befreit aus dem Naturzwang und freigesetzt in eine monolythische Unabhängigkeit. Irgendwie scheint der Stein dadurch plötzlich zu atmen und ein Eigenleben zu entwickeln, scheint eine Art von Individuum zu werden und dennoch ist er – in Wirklichkeit – noch beinahe unbearbeitet im Sinne einer traditionellen künstlerischen Formgebung.
Genau an diesem Punkt setzt Uli Gsell künstlerisch an, denn gerade diese nahezu gestaltlose Masse ist von ungeheurer Materialität und Konkretion und sie birgt ein eminentes ästhetisches Potential, das – poetisch gesprochen – erst von der Hand des Künstlers geweckt und zu Bewußtsein gebracht wird.

Doch nicht nur was als positive Form steht, ist für Uli Gsell wesentlich, denn auch der negative Raum wird in die Arbeit einbezogen und diese Eingriffe wecken Assoziationen, lassen z.B. an archaische Bauwerke denken.
„Uli Gsells Arbeiten sind wie Architekturen. Sie bieten Eingänge, Ausgänge, Durchblicke, Lichtkanäle und verdeckte Schächte. Ihr Innenleben wird angerissen ohne das Innerste gänzlich bloßzulegen oder die vorhandene Existenz des Außenlebens zu zerstören.“ (Petra Mostbacher, Auf der Suche nach dem Ursprung, in: Uli Gsell, Esslingen 1998 )
Architektur erscheint so nicht als Konstruktion, nicht als aufgetürmte Titanenarbeit, sie ist kein Turmbau zu Babel, ist keine Verherrlichung des Menschenwerks, sondern ganz einfach Behausung, also geschützter Lebensraum im eigentlichen Sinne.
Das Wesen des Steins wird auf diese Weise sichtbar gemacht, ein Ein-Blick durch das Schlüsselloch in die Natur ist zwar möglich, aber das Geheimnis der Dinge wird nicht exhibitionistisch bloßgelegt.
Die Leerformen eines Blocks wie Löcher, Aushöhlungen und Schnitte z.B sind es ja, die die Bearbeitung als Intervention, als künstlerischen Eingriff sichtbar werden lassen.

Der Block wird so vom Umraum abgegrenzt und so werden künstlerische Entscheidungen sichtbar, wird Volumen auch durch den >negativen Raum<, also ex negativo begreifbar im Wechselspiel von positivem und negativem Raum.

Uli Gsell bekennt sich zwar zum Eingriff in die Natur des Steins, doch diese Intervention wird nicht geleugnet, wird nie geschönt. Gsell verzichtet auf das Glätten und das Vertuschen der Bearbeitungsspuren, die Spur des Künstler-Täters wird also nicht verwischt (wieder die Materialgerechtigkeit).
Die ästhetische Handlung der >Bild-Hauerei< bleibt bei Uli Gsell immer transparent, wird so für den Betrachter erfahrbar und legt den Dialog mit dem Material auch im bildhauerischen Resultat offen. Dadurch erreicht Gsell eine intensive Spannung, die seine Steine auf der Grenzlinie zwischen Rohzustand und Zustandsveränderung bestimmt.
Stein bleibt Stein, die Identität des Materials bleibt gewahrt, es verweist nicht auf etwas, es repräsentiert nicht etwas grundsätzlich anderes. Das bildhauerische Resultat bezeugt >An-Wesenheit< (des Bildhauers und des Steins), die Arbeitsspuren zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung (zwischen dem Künstler und dem Material).

Der ursprünglich von der Naturgewalt geformte Stein wird dem Werkzeug und der Energie des Bildhauers ausgesetzt. Der (zeitlosen) Arbeit der Natur steht die (zeitbedingte) Anstrengung der Menschenhand gegenüber.
Naturprodukt und Kunstprodukt geraten in eine wechselseitige produktive ästhetische Spannung. Der Stein hat bei Uli Gsells Arbeitsverfahren viel zum Kunstwerk beizutragen.
Vom Stein kommt die Natur, das Gewachsene, das organisch Vorgegebene, die Teilnahme am erdgeschichtlichen >Schöpfungsprozeß.<
Vom Menschen kommt der Eingriff in die Materie, der Einschnitt, die Formveränderung, der individuelle >schöpferische Prozeß.<
An diesem Berührungspunkt vollzieht sich die Metamorphose vom Naturobjekt zum Kunstobjekt und genau diese Schnittstelle ist es, der Übergang von einem Zustand in einen anderen, dem Uli Gsell immer wieder fasziniert nachspürt.

Die Arbeit in Stein erscheint nur bei oberflächlicher Betrachtung brachial, denn Uli Gsells Einfühlungsvermögen, seine Sensibilität, ja Empfindsamkeit bei der Arbeit erlaubt tiefe Einblicke in die Eigenart der Naturform.
Durch die aufgebrochene Außenhaut wird das Innen sichtbar, die Substanz des Materials wird begreifbar durch das Öffnen einer geschlossenen Form. Durch das Öffnen der Form verhilft Uli Gsell der Natur zu einer Art Sprache, der Stein erhält Ausdruck und Individualität.
Der so bearbeitete Stein gibt seine Identität nicht vollständig preis – „(Hiero)Glyphenstille“ – und trotzdem: Uli Gsell glückt das Kunststück, denn der Stein wird schließlich doch zum Träger der künstlerischen Form.
Immer noch ist er ein Teil der Natur aber es bleibt eine Lücke, ein unausgefüllter Zwischenraum. Ein Riß. Ein unumkehrbarer Vorgang. Eine Tat. Er trägt die Spuren eines handelnden Subjekts.